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Vortrag „Braucht es Orte des Gedenkens?“ von Dr. Andreas Ennulat

Erinnerung ist weit mehr als ein Blick in die Vergangenheit – sie ist Auftrag für die Gegenwart und Verantwortung für die Zukunft. Mit dieser eindringlichen Botschaft setzte ein Vortrag am 23. April im Rotkreuz-Landesmuseum Baden-Württemberg in Geislingen an der Steige starke Impulse. Dr. Andreas Ennulat, ehemaliger Präsident des Henry-Dunant-Museums in Heiden/Schweiz, nahm die Zuhörenden mit auf eine eindrucksvolle Reise durch die Geschichte und Gegenwart des humanitären Handelns.

Im Rahmen der jährlichen Vortragsreihe zur Konventionsarbeit, seit der Museumseröffnung im Jahr 2013, begrüßte der DRK-Kreisverband Göppingen e.V. zum neunten Mal zahlreiche Gäste. Die stellvertretende Vorsitzende des Kreisverband Göppingen Brigitte Kress, hieß unter anderem die neu gewählte Landtagsabgeordnete Dr. Mariska Ott sowie Kreisbrandmeister Prof. Dr.-Ing. Michael Reick herzlich willkommen. Anschließend führte Christian Striso, der Konventionsbeauftragte des Kreisverbandes Göppingen, in die Veranstaltung ein und stellte den Referenten als ebenso kompetenten wie warmherzigen Impulsgeber vor.

Unter dem Titel „Ideen haben die seltsame Neigung, zur Realität zu werden“ spannte Dr. Andreas Ennulat einen weiten Bogen: von den Ursprüngen humanitärer Ideen bis hin zu ihrer Bedeutung in der heutigen Zeit. Ausgangspunkt war die Frage, welche Rolle Erinnerung in einer Welt spielt, die von Umbrüchen geprägt ist. Mit einem Zitat des Historikers Pierre Nora machte er deutlich: „Wir sind, was wir geworden sind – aber wir müssen uns erinnern und dürfen nicht vergessen, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir wollen.“ 

Im Zentrum des Vortrags standen sogenannte „Erinnerungslandschaften“ – Orte, Institutionen und Spuren, an denen Geschichte lebendig bleibt und Werte greifbar werden. Sie verbinden Vergangenheit und Gegenwart und machen Menschlichkeit sichtbar. Von dort aus schlug Dr. Andreas Ennulat den Bogen zu Henry Dunant und den Ursprüngen der Rotkreuzbewegung. Ausgehend von den erschütternden Eindrücken der Schlacht von Solferino im Jahr 1859 entwickelte Dunant seine visionäre Idee: „Wäre es nicht möglich, Gesellschaften zu gründen, deren Aufgabe es wäre, die Verwundeten in Kriegszeiten durch eifrige, hingebungsvolle und gut qualifizierte Freiwillige zu versorgen?“ Dieses Zitat aus dem Jahr 1862 markiert einen Wendepunkt – es führte zur Gründung der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung und mündete schließlich in der ersten Genfer Konvention von 1864. Damit wurde der Grundstein für das humanitäre Völkerrecht gelegt. Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Arbeit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), das bis heute weltweit tätig ist, um das Leben und die Würde von Menschen in Konflikten zu schützen. Dr. Andreas Ennulat betonte, wie wichtig es gerade heute sei, „die Menschlichkeit im anderen wiederzuentdecken“ – eine Haltung, die im Kern der Rotkreuz-Idee steht.

Anschaulich zeichnete der Referent auch die Lebensstationen Dunants nach – von seiner Zeit in Genf über Paris und Stuttgart bis nach Heiden in der Schweiz, wo er seine letzten Jahre verbrachte. Dort entwickelte sich eine lebendige Erinnerungskultur: So wurde Heiden zum Ausgangspunkt des Weltrotkreuztages, der seit 1948 begangen wird, und ist bis heute Ort jährlicher Gedenkfeiern zu Ehren Dunants. Darüber hinaus zeigte der Referent die weltweiten Spuren Dunants auf – von Europa bis nach Nordafrika – und machte deutlich, wie seine Ideen bis heute nachwirken. Als erster Friedensnobelpreisträger steht Dunant symbolisch für ein „Weltgewissen“, das auch in der Gegenwart immer wieder neu gesucht und gestärkt werden muss.

Die Arbeit des Henry-Dunant-Museums versteht sich dabei als aktive Erinnerungskultur: Geschichte wird nicht nur bewahrt, sondern bewusst in die Gegenwart getragen. Grundlage bilden die sieben Grundsätze des Roten Kreuzes – Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit, Einheit und Universalität –, die bis heute das Handeln der Bewegung prägen.

Der Vortrag machte eindrucksvoll deutlich, dass Orte des Gedenkens unverzichtbar sind. Sie geben Orientierung, stiften Identität und erinnern daran, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für andere.

Im Anschluss nutzten viele Gäste die Gelegenheit zum persönlichen Austausch. Bei einem gemeinsamen Imbiss klang der Abend in angenehmer Atmosphäre aus und bot Raum für vertiefende Gespräche über die Bedeutung von Erinnerung und Menschlichkeit in unserer Zeit.