Hinschauen rettet Leben
Erste Hilfe zu leisten ist Pflicht – Wer wegschaut, macht sich strafbar
Immer wieder geschieht es, dass Personen im Straßenverkehr zu Schaden kommen und keiner ist da, der hilft. Doch wo liegen die Ursachen des „Wegschauens“, das im schlimmsten Fall den Tod zur Folge hat?
Kreis Göppingen - Anfang des Monats verlor ein 49-jähriger Mann am frühen Morgen auf der Kreisstraße 1404, dem Zubringer zur neuen B 10 bei Salach, in seinem Auto das Bewusstsein.

- Erste Hilfe zu leisten kann man lernen
Zwar konnte er noch abbremsen, saß dann aber hilflos in seinem Wagen auf dem rechten Fahrstreifen. Anstatt nachzusehen, fuhren die anderen geradewegs vorbei – ohne Reaktion. Nicht einmal, als ein Beamter der Göppinger Verkehrspolizei anhielt und versuchte, weitere Autofahrer herauszuwinken, fühlte sich jemand verantwortlich. Der 49-jährige Autofahrer starb im alarmierten Krankenwagen schließlich an den Folgen eines Herzinfarkts (wir berichteten).
Doch wo liegt die Ursache des „Wegschauens“? „Das wohl häufigste Argument ist die Angst, etwas falsch zu machen“, erklärt Uli Stöckle, Pressesprecher der Polizeidirektion Göppingen. Dabei gehe es zuallererst darum, überhaupt etwas zu unternehmen, „und wenn es nur der Anruf bei der Polizei ist“, betont er. Im Falle des 49-Jährigen fehlt Stöckle jegliches Verständnis: „Das war im Berufsverkehr auf einer viel befahrenen Straße, und alle sind am Betroffenen vorbeigefahren“. Auch das mögliche Argument, man könne die Situation ja nicht einschätzen, wisse ja nicht, wer da auf dem Seitenstreifen stehe und mit welcher Absicht, lässt der Kriminalhauptkommissar in einem solchen Fall nicht gelten. Schließlich könne man ja auch immer noch versuchen, andere Fahrer herauszuwinken. Nachzusehen und gegebenenfalls einen Notruf abzusetzen sei jedenfalls Pflicht.
Die Zahl derer, die ohne anzuhalten einfach an einem Unfallort vorbeifahren, sei schwer festzuhalten, berichtet Reimund Vater, Referent für Verkehrsangelegenheiten bei der Göppinger Polizei. Im Falle der Unfallflucht – einer weiteren Variante des „Wegschauens“ – sieht es anders aus. Im vergangenen Jahr wurden 1368 Fälle registriert. Das entspricht 21,5 Prozent aller Unfälle. Die Aufklärungsquote liege hier bei „starken 33,6 Prozent“. Als immer wiederkehrendes Beispiel des Nicht-Handelns nennt Reimund Vater die Unfälle auf der Autobahn. „Das kommt immer wieder vor, dass auf der einen Spur ein Unfall passiert und sich auf der anderen Seite vor lauter Gaffern ein Stau bildet, aber nichts unternommen wird.“ Die Ursache für dieses Verhalten sieht Vater in der Unsicherheit vieler Autofahrer. „Hier gilt es eben auch, sich einmal selbst zu überprüfen: Wann wurden die Kenntnisse in Erster Hilfe zum letzten Mal aufgefrischt?“, betont Vater.
Sonja Seng-Straub, Leiterin der Rotkreuzdienste beim DRK Kreis Göppingen, kennt die Problematik nur zu gut. Ihrer Meinung nach sollte es für jeden zur Pflicht werden, den Erste-Hilfe-Kurs alle zwei Jahre aufzufrischen. „Viele kommen mit dem Argument, dass ihnen ein Kurs zu lange dauert, da kommt kaum mehr einer freiwillig“, bedauert sie. Dabei läge der Zeitaufwand für einen kompletten Kurs gerade mal bei zwei Tagen und insgesamt 16 Stunden. Seit einer Weile bietet das DRK alle zwei Monate den dreistündigen Kurs „Fit in Erster Hilfe“ an. „An einem Abend werden die Teilnehmer in den lebenswichtigen Grundlagen geschult. „Dazu zählen die stabile Seitenlage, die Herzdruckmassage und der Druckverband“, fasst Seng-Straub zusammen. Dieses Angebot werde gerne wahrgenommen.
Das wichtigste an einem Unfallort sei zunächst das Absetzen eines Notrufs unter der 112. „Den Leuten muss klar sein, dass man nicht bestraft wird, wenn man was falsch macht, sondern wenn man gar nichts unternimmt“, betont Seng-Straub. Einzig die Kurse „Erste Hilfe am Kind“ oder „am Hund“ seien von Freiwilligen gut besucht. „Das finde ich dann schon etwas komisch, dass man eher einem Tier hilft als einem Menschen in einer lebensbedrohlichen Situation“, gibt Sonja Seng-Straub zu bedenken. Zudem könnte es jederzeit passieren, dass man zuhause in die Situation komme, in der die Kenntnis der richtigen Maßnahmen lebensrettend sein könnten, betont Seng-Straub.

